Pastorenehepaar Schendel
nach einer Seetaufe in Oldenstadt


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Andacht

Tagung „Profil und Zukunft des Pfarrberufs“

Hofgeismar, 21.3.2019                                                         1. Thess. 3,7f.

 

Ich möchte heute morgen ein Loblied auf Timotheus anstimmen. Denn Timotheus ist der, der dafür sorgt, dass Paulus wieder lachen kann. Wochenlang hat Paulus in Korinth gewartet.  Unsicher, ob nicht doch alles unnütz gewesen war. Sein ganzer Einsatz in Thessaloniki. Drei Wochen lang volles Engagement, bis er flüchten musste. Und was brachte das alles? Das Kontakten, das Lehren, das Predigen. Vielleicht war das alles doch nur leer, eis kenon, wie es wörtlich heißt.

Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie Paulus abwartet, wie er sich unsicher ist. Denn als Pfarrpersonen kennen wir das doch auch. Da haben wir unser Bestes gegeben, uns wirklich reingehängt. Aber was sind die objektiven Kriterien für Erfolg? Die Taufquote, die Zahl der Gottesdienstbesucherinnen, die Anzahl der Ehrenamtlichen? Im letztjährigen Vorstandsberichts eines Pfarrvereins lese ich den Satz: „Wir arbeiten viel – und es ist schon eine Menge dabei, das kaum jemand wahrnimmt. Eine messbare Größe für Erfolg haben wir in aller Regel […] nicht. Keine produzierten Stückzahlen, keine Jahresüberschüsse, keine Belobigungen […].“[1]

Kein Wunder, dass Paulus unruhig in Athen festsitzt. Zurück nach Thessaloniki kann er nicht. Das wäre viel zu gefährlich. Seine Feinde dort sind zu stark. Darum schickt er den Timotheus los, seinen engsten Mitarbeiter. Er soll zur Gemeinde wieder Kontakt aufnehmen, soll sie stärken und mahnen, vielleicht auch trösten.

Timotheus ist losgezogen, hat sich auf den langen Weg nach Norden aufgemacht – und jetzt ist er wieder da und kann von der Gemeinde in Thessaloniki nur das Beste erzählen: Die Gemeinde lebt, Glaube und Liebe blühen, und auch mit Paulus fühlt sie sich tief verbunden. Es ist fas zu schön, um wahr zu sein!

Wir können uns denken, wie dem Apostel ein Stein vom Herzen fällt, wie er nach wochenlangem Warten endlich wieder lachen kann. Befreit setzt er sich gleich hin und schreibt der Gemeinde einen Brief. Darin stehen auch die Worte, die wir heute in der Herrnhuter Losung lesen: „Wir sind, Brüder und Schwestern, euretwegen getröstet worden in aller unsrer Not und Bedrängnis durch euren Glauben; denn jetzt leben wir auf, wenn ihr fest steht in dem Herrn.“

Genauso sind auch die Pfarrerinnen und Pfarrer unserer Tage keineswegs eine Insel: Wir leben von Rückmeldungen, von der Resonanz. Um es mit Hartmut Rosa zu sagen: Im Pfarrberuf zählen nicht nur die vertikalen Resonanzsphären, sondern auch die horizontalen. Oder um es etwas einfacher mit den Worten aus dem bereits genannten Vorstandsbericht zu sagen: Die „Wirkung“ unseres Tuns „motiviert zum Dienst - auch da, wo ich etwas anderes tun oder tun muss.“[2] Diese Resonanz hat also eine salutogenetische Wirkung. Da war auch bei Paulus nicht anders. Er kann jetzt wieder aufleben; der Glaube seiner Gemeinde stärkt auch seinen Glauben.

Und was ist mit Timotheus? Warum will ich ihn loben? Ganz einfach: Ohne ihn wäre es nicht zu diesem happy end gekommen. Paulus brauchte diesen Mitarbeiter, der selbstständig loszog, der hinhörte, lehrte und predigte, der also all das tat, was Paulus sonst in Thessaloniki getan hätte. Paulus traute dem Timotheus das zu; offensichtlich kann er Arbeit teilen, sodass der Einsatz des Timotheus am Ende mehr als eine Verlegenheitslösung, eine Kompensationsstrategie war. Gut möglich, dass Timotheus noch einmal einen ganz eigenen Ton gefunden hat, eine eigene Art, um mit den Menschen in Thessaloniki zu sprechen.

Wenn wir das Loblied des Timotheus anstimmen, dann kommen unweigerlich auch die heutigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Blick. Dann geht es plötzlich um die, die mit zum multiprofessionellen Team gehören oder die als Prädikantinnen oder Lektoren Verkündigungsaufgaben wahrnehmen. Wir wissen alle, dass manche Pastorinnen und Pastoren immer noch am Bild des Einzelkämpfers hängen und dass die Sorge groß ist, am Ende „ersetzbar“ zu sein oder nur noch als „Lückenbüßer“ oder „Boss von Ehrenamtlichen“ zu arbeiten.[3] Diese Sorge kann ich gut verstehen, und dennoch werbe ich für einen neugierigen Blick auf die Timotheusse und Timotheas unserer Zeit. Schließlich war es Timotheus, der dafür sorgte, dass Paulus am Ende schreiben konnte: „denn jetzt leben wir auf“.

Gott sei Dank! Amen.

 

 

 

 

 

 



[1] Zit. nach Keller, Wir tun, in: PastTheol 1/2019, S. 58.

[2] Ebd.

[3] Ebd.