Aus Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8 / 2010
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Beobachtungen in Westsibirien
Taiga, Zwiebelturm und Lutherrose

Von: Dr. Gunther Schendel

Kälte, Weite und Verbannung – das fällt einem üblicherweise zu Sibirien ein. Dabei ist das Land hinter dem Ural sehr lebendig. Dazu gehört auch eine spannende religiöse Entwicklung seit dem Ende des Sozialismus. Die orthodoxe Kirche erlebt eine Renaissance, Baptisten und Katholiken gehen unterschiedliche Wege in der Diakonie, und die Lutheraner stehen in der Spannung zwischen Tradition und einem neuen Aufbruch. Gunther Schendel fasst die Eindrücke einer Studienreise zusammen, die ihn im September 2009 nach Omsk, Nowosibirsk und Tomsk führte.1





Eine Region voller Gegensätze



Sibirien ist heute eine Region der Gegensätze. In einer Millionenstadt wie Nowosibirsk stehen heruntergekommene Blockhäuser neben einem spiegelnden Hotel und neuen Bürotürmen, Bauersfrauen bieten ihre Waren auf dem Boden kniend neben dem neuen Einkaufszentrum feil, während junge, modisch gekleidete Frauen und Männer an ihnen vorbeieilen, und ein Lenin schaut auf seinem Sockel trotzig über den Platz, während auf dem Marxplatz eine Leuchtreklame für »Intersport« wirbt und die Kirchenkuppel in der alten Stadtmitte neu vergoldet glänzt.

In solchen Straßenszenen begegnen sich verschiedene Zeiten und Lebensformen: Land und Stadt, sozialistische Vergangenheit und kapitalistische Gegenwart, Armut und Reichtum, Verfall von Bausubstanz und das Bemühen, die prägenden Kirchgebäude wiederherzustellen. Das Nebeneinander erscheint typisch für eine postsozialistische Gesellschaft. Mit den Denkmälern der sozialistischen Vergangenheit wird stellenweise durchaus wählerisch umgegangen: Es gibt monumentale Denkmäler, die offensichtlich dem Verfall preisgegeben werden, während andere frisch renoviert sind. Eine neuvergoldete Soldatenstatue auf einem Dorfplatz zeigt: Die Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg gegen Hitlerdeutschland hat immer noch eine integrierende Bedeutung. Kein Zufall, dass viele Hochzeitspaare auch heute noch einen Blumenstrauß am örtlichen Soldatendenkmal ablegen. Aber wenn man genau hinschaut, sind im Straßenbild vereinzelt auch Zeichen für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Terror der Stalin-Zeit zu sehen: So gibt es in Omsk ein 1994 errichtetes Denkmal »für die Opfer der Stalinschen Repression«, und in der Universitätsstadt Tomsk geht der Passant auf dem zentralen Lenin-Prospekt an einem Banner vorbei, mit dem das Regionalmuseum für eine Ausstellung über das NKWD (das sowjetische Volkskommissariat des Inneren) wirbt.

Wesentlicher als die Vergangenheit, so zeigt jedenfalls das Straßenbild, ist der Blick in die Zukunft. Auffällig ist die betont westliche Kleidung, und die großflächigen Werbeplakate stehen für eine globalisierte Konsumwelt. Der Zugang zu ihr ist aber sehr ungleich verteilt, und die Schere zwischen Reich und Arm dürfte sich durch die aktuelle Wirtschaftskrise noch weiter öffnen. Dass die globale Krise auch das rohstoffreiche Russland erfasst hat, dokumentieren die Bauruinen, die im Stadtbild einer Boomtown wie Nowosibirsk zu sehen sind: das verlassene Stahlskelett eines Bürohauses, ein unfertiges Hochhaus, das wie eine große Wabe in den Himmel ragt. Der Wirtschaftsboom der vergangenen Jahre ist durch den Einbruch des Ölpreises zum Erliegen gekommen, eine grassierende Inflation wird durch den Staat mühsam gebremst. Die Bettler auf den Straßen sind ein sichtbares Zeichen für Armut und Desintegration;2 pro Jahr erfrieren allein in Nowosibirsk ungefähr 100 Menschen3. Alkoholismus ist noch immer ein verbreitetes Problem: Jeder siebte Russe, so sagt die Statistik, stirbt an den Folgen eines übermäßigen Alkoholkonsums, und der durchschnittliche Verbrauch von Alkoholika ist im Vergleich zu den 90er Jahren noch einmal gestiegen,4 auch wenn die Miliz dem öffentlichen Alkoholgenuss energisch Einhalt zu gebieten versucht.





Die orthodoxe Kirche erlebt eine Renaissance



In dieser postsozialistischen Wirklichkeit ist die Kirche auf vielfältige Weise präsent. Unübersehbar ist die Präsenz der Russisch-Orthodoxen Kirche. Auf Schritt und Tritt sind die frisch-glänzenden Kuppeln von Kirchen zu sehen, die bis vor fünfzehn oder zwanzig Jahren noch verfallen oder in profaner Nutzung waren. Jetzt sind die zerstörten Glocken wieder ersetzt, und in den Kirchenräumen wird vor den neu errichteten Ikonostasen wieder Gottesdienst gefeiert. Dass sich hier auch der Staat engagiert, zeigt am deutlichsten die Entwicklung in Omsk, der Millionenstadt am Irtysch. In der Stalinzeit hatten hier nur zwei Kirchen die Zerstörungswelle der dreißiger Jahre überlebt.5 Aber jetzt wurden innerhalb weniger Jahre mindestens zwei zentrale Kirchen, die monumentale Uspenskij-Kirche und die zierliche Seraphim-Alexejevskaja-Kapelle, wieder aufgebaut. Und der örtliche Gouverneur hat den Ehrgeiz, in den nächsten Jahren auch die historische Kirche bei der alten Festung wieder errichten zu lassen.

Solche Projekte zeigen: Staatsstellen sehen eine Verpflichtung zur Wiedergutmachung, und die größten Wunden, die Stalins Terror im historischen Stadtbild gerissen hat, sollen geschlossen werden. Aber der Wiederaufbau der Kirchen lässt sich auch als Verbeugung vor der »besonderen« Rolle verstehen, die die Russisch-Orthodoxe Kirche nach dem russischen Religionsgesetz von 1997 hat6 – und die sie heute auch wieder in der Öffentlichkeit spielt.

Auch der flüchtige Besuch in orthodoxen Kirchen vermittelt einen Eindruck vom Aufschwung, den die russische Orthodoxie erlebt. Es sind junge Priester, die die Heilige Liturgie feiern, und an einem Donnerstag­abend singt ein Frauenchor in einer Tomsker Innenstadtkirche betörend schön, während Frauen und Männer aller Altersgruppen kommen und gehen. Am anderen Tag, dem Erinnerungstag an die Enthauptung Johannes des Täufers, wird in der Kirche ein Kind getauft. Am Vortag war in der Nowosibirsker Newski-Kathedrale eine Trauung mitzuerleben: In einem Gottesdienst – es war der 9.9. – wurden gleich drei Paare nacheinander mit der Hochzeitskrone gekrönt. In einer anderen Kirche fand sich ein Hochzeitspaar ein, das sich offensichtlich nicht kirchlich trauen ließ. Aber es kaufte bei der Küsterin ein paar Kerzen, und die Küsterin erklärte dem unsicheren Paar geduldig, was es mit den Kerzen auf sich hat. In einer Szene wie dieser zeigt sich der Traditionsabbruch, den die Jahrzehnte des Sozialismus hinterlassen haben, aber auch der Versuch, diesem Abbruch etwas entgegenzusetzen: Den Wandkreuzen, die in der Kirche verkauft werden, liegt ein Gebet bei.





Zwischen Märtyrerverehrung und Geschichtspolitik



Statistischen Angaben zufolge bekennen sich heute wieder 60% aller Bürger der Russischen Föderation zur Orthodoxie.7 Die Orthodoxe Kirche ist damit mit weitem Abstand die größte Konfession im Land. In der neuerrichteten Omsker Uspenskij-Kirche ist zu erleben, dass die Orthodoxie nicht nur eine religiöse, sondern auch eine geschichtspolitische Dimension hat. Diese Kirche ist eng mit der Geschichte des alten Zarenhauses verbunden: Bei ihrer Weihe war der letzte Zar zugegen, und nach der Oktoberrevolution ließ sich der zarentreue Admiral Koltschak hier als Chef der antibolschewistischen Gegenregierung vereidigen. In den letzten Jahren wurde in der Krypta das Grab von Erzbischof Sylvester, der 1920 in bolschewistischer Haft verstarb,8 wiederentdeckt und provisorisch geschmückt. Mit seiner Kanonisierung als Heiliger und Märtyrer9 und der Verehrung seines Grabes wird der Leidensweg der Kirche nach der Oktoberrevolution in Erinnerung gehalten. Allerdings zeigt die neue Ikonenwand der Kirche an prominenter Stelle auch ein Bild des letzten Zaren Nikolaus II., und im Turm steht eine geschmückte Ikone mit der gesamten Zarenfamilie, die 1918 ermordet wurde. Die Kanonisierung von Zar und Zarenfamilie erfolgte 2000, war aber auch in der Kirchenleitung umstritten.10 Jetzt wirkt die Herausstellung des Zaren wie ein Versuch, die Zeit des Sozialismus zu überspringen und an eine alte Zeit anzuknüpfen.





Neue Offenheit – Staat und Kirche



Nach dem Religionsgesetz von 1997 ist die Russische Föderation ein weltlicher Staat. Jedoch gibt es Pläne, den staatlich anerkannten Religionen auch eine Präsenz in staatlichen Institutionen zu ermöglichen. Hierbei geht es um die klassischen Arbeitsfelder Religionsunterricht und Militärseelsorge. Nach diesen Plänen, die der neue Präsident Medwedjew im Juli 2009 vorgestellt hat, soll den »traditionellen Religionen«11 eine »ständige Präsenz« in der Armee ermöglicht werden. Außerdem sollen die Schüler künftig zwischen einem konfessionellen Unterricht, einer allgemeineren Konfessionskunde und einem Ethikunterricht entscheiden können. Dabei soll der konfessionelle Unterricht wahlweise in die »Grundlagen« von Orthodoxie, Islam, Judentum oder Buddhismus einführen.12 Wird hier die Bereitschaft erkennbar, den Religionen neue Türen zu öffnen, so möchte Medwedjew die Kirchen bei seinem Kampf gegen den Alkoholmissbrauch andererseits auch als Verbündete gewinnen. Die neue Offenheit Medwedjews (dessen Frau übrigens eine orthodoxe Initiative für die »geistig-moralische Kultur« der Jugend leitet)13 stößt bei Kirchenvertretern auf positive Resonanz. Kritik kommt dagegen von den Kommunisten, aber auch von der liberalen Jabloko-Partei. Letztere befürchtet, dass der Staat »über das Institut der Kirche [gedacht ist wohl v.a. an die Orthodoxe Kirche] zusätzliche Kontrolle über die Bürger […] bekommen« möchte.14





Mission und Professionalität – kirchliche Sozialarbeit



Die Auseinandersetzung mit der sozialen Situation beschäftigt die meisten christlichen Konfessionen. Schon vor der aktuellen Wirtschaftskrise diskutierte die Orthodoxe Kirche 2007 auf ihrem Moskauer Volkskonzil über die Bekämpfung der Armut; dabei übte Metropolit Kyrill scharfe Kritik an den Oligarchen und ihrer Verschwendungssucht.15 Während diese Nachricht international durch die Medien ging, können die kleineren Konfessionen mit ihrem diakonischen Engagement nicht mit der gleichen Aufmerksamkeit rechnen. Dabei betreiben manche von ihnen eine profilierte Sozialarbeit. In Asowo, einem Dorf in der Nähe von Omsk, bieten Baptisten auf einem landwirtschaftlichen Hof für ca. 20 Männer eine Drogenrehabilitation an. Ein Betreuer in Militärjacke erklärt das Konzept: kalter Entzug, Arbeit auf dem Hof, regelmäßiges Bibelstudium. Jeder Bewohner wird automatisch Fernstudent einer Bibelschule. Dieses klare Konzept ist nicht ohne Erfolg. Aber eine Wand im Wohnzimmer zeigt auch die Bilder derer, die es nicht geschafft haben.

Während diese baptistische Einrichtung ein klares missionarisches Profil hat, verfolgt die katholische Caritas in Nowosibirsk ein anderes Konzept. Mit der direkten Verkündigung ist man hier, in einem großen Caritaszentrum, eher zurückhaltend. Im Vordergrund steht die konkrete Hilfe, wohl auch, um nicht in den Verdacht der »Proselytenmacherei« zu geraten. Die Orthodoxe Kirche verfolgt die Aktivitäten der Katholiken mit Misstrauen – nicht zuletzt, seitdem Rom 2002 die kirchlichen Strukturen in Russland neu geordnet und einem Metropoliten unterstellt hat.16 Von Nowosibirsk aus organisiert die Caritas eine vielfältige Sozialarbeit im Bistum Westsibirien. Mit berechtigtem Stolz zeigt die Öffentlichkeitsreferentin die Häuser des Caritaszentrums: das Mutter-Kind-Heim »St. Sophia«, das Kinderheim »St. Nikolaus« sowie das Kinderzentrum »Sternbild«, eine ambulante Einrichtung für die Tagesbetreuung von Kindern.17 Den Besucher empfangen helle, freundliche Räume, eine liebevolle Atmosphäre. Die Häuser sind ein Gegenbild zur Welt, aus der die Kinder und Mütter kommen. Die meisten der 50 Kinder im Kinderheim gehören zu Eltern, denen das Sorgerecht entzogen wurde. Und das Mutter-Kind-Heim ist für obdachlose Schwangere oder für Mütter gedacht, die mit der Erziehung ihres Kindes überfordert sind. Der Kindertreff hingegen wird von Kindern besucht, die zuhause oft nicht mehr als einen Schlafplatz haben – weil die Eltern trinken, weil der Vater gewalttätig ist.

Die Öffentlichkeitsreferentin sagt es ganz offen: Die Arbeit ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber es ist eine exemplarische Arbeit: mit hohen Standards, in enger Abstimmung mit den Behörden, denen oft genug die nötigen Mittel fehlen. Doch auch auf diesen »Leuchtturm« fällt ein Schatten: Seitdem das deutsche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit die Projektförderung in Russland auslaufen lässt, steht das wirtschaftliche Überleben des Caritas-Projekts infrage.





Zwischen Ural und Kamschatka – die größte lutherische Kirche der Welt



Zu den »traditionellen« Religionsgemeinschaften gehören gewiss auch die Lutheraner. So ist die älteste erhaltene Kirche in Omsk eine lutherische Kirche. Die klassizistische Katharinenkirche wurde 1792 für die kleine schwedische Gemeinde errichtet, die aus kriegsgefangenen Soldaten bestand, und dient heute als Polizeimuseum. Jetzt sind es vorwiegend Deutschstämmige, die das Rückgrat der lutherischen Gemeinden in Sibirien bilden. Das gilt jedenfalls für die Gemeinden, die sich 1992 zur Ev.-luth. Kirche Ural, Sibirien und Ferner Osten (ELK USFO) zusammengeschlossen haben. Diese Kirche ist Mitglied im Lutherischen Weltbund und arbeitet unter dem Dach der Ev.-luth. Kirche in Russland und anderen Staaten (ELKRAS).

Vom Einzugsgebiet her ist die ELK USFO sicherlich die größte lutherische Regionalkirche der Welt: Sie reicht vom Ural bis zur Halbinsel Kamtschatka. Zu dieser Kirche gehören heute 144 Gemeinden in zehn Propsteien.18 Dabei bewegt sich die Gemeindegröße zwischen zehn oder zwanzig Christen (wie in vielen Hausgemeinden) bis zu mehreren Hundert (wie in Omsk, dem Sitz der Kirchenleitung).

Obwohl es in Sibirien seit dem 18. Jh. Deutsche gibt, sind viele lutherische Gemeinden ein Ergebnis der Massendeportationen unter Stalin. Kurz nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion hatte die Sowjetregierung 1941 die Zwangsumsiedlung der Deutschen aus den frontnahen Gebieten verfügt. Insgesamt mehr als 850.000 Deutsche wurden hinter den Ural verbannt, viele von ihnen landeten in der »Arbeitsarmee«, und die Sterblichkeitsrate war hoch. Diese Erfahrungen, so wird in Gesprächen mit Zeitzeugen deutlich, waren mehr als traumatisch. Erst 1955 wurde das Regime der Sondersiedlungen aufgehoben, die Verbannten bekamen die Niederlassungsfreiheit, ohne dass ihnen die Rückkehr in die alten Siedlungsgebiete an der Wolga, auf der Krim oder in der Ukraine gestattet wurde.19

In dieser Situation haben viele Zeitgenossen ihren christlichen Glauben als große Hilfe erlebt. Im Bethaus von Nowosibirsk hängt vorne an der Wand der Spruch: »Der treuste Führer in der Not, das ist und bleibt der liebe Gott«. Dieser Vers spricht von der Not, erinnert aber auch an den Halt im Glauben. Der Gottesdienst in deutscher Sprache war das Stück geistliche und soziale Heimat, das viele auch hinter dem Ural um jeden Preis erhalten wollten. Das galt v.a. für die »Gemeinschaftschristen«, die von der Erweckungsbewegung des 19. Jh. beeinflusst waren.20 Ihre »Stunden«, die sie bereits vor der Stalinzeit gepflegt hatten, erwiesen sich jetzt als geeignete Form, um ohne Kirchgebäude und ohne Pastor Gottesdienst zu feiern – nur vier lutherische Pastoren hatten die Christenverfolgung der 20er und 30er Jahre überlebt.21

Damit setzte sich eine bestimmte Form des Gottesdienstes durch, die auch heute noch in den Stunden der russlanddeutschen Brüdergemeinden und den Gottesdiensten der Hausgemeinden zu erleben ist. Typisch für diesen Gottesdiensttypus ist die Leitung durch einen Laien (meist einen Mann), die Bibelauslegung durch mehrere Gemeindeglieder, das Murmelgebet (in einer Gebetsphase bringen die Teilnehmenden parallel und halblaut ihre Anliegen vor). Anstelle einer eigenen Auslegung hat im Sonntagsgottesdienst bis heute auch die Verlesung einer gedruckten Predigt ihren Platz. Fast kanonische Geltung haben die Predigten von Carl Blum (gest. 1906), einem lutherischen Pastor und Propst in der Wolgaregion. Damit und mit dem Wolgagesangbuch22 sind viele Brüdergemeinden bis heute in einer Frömmigkeit beheimatet, die vom 19. Jh. geprägt ist. Dieser Glaube ist der Schatz, den sie über die Sowjetzeit gerettet haben. Mit Stolz erzählt eine Frau in der kleinen Hausgemeinde von Ust-Tarka bei Tatarsk von den großen Prediger- und Gemeindekonferenzen, die in den 60er Jahren zum Erntedankfest in Frunse (heute Bischkek) stattfanden.23 Und der Gemeindeälteste berichtet im Bethaus von Nowosibirsk, dass das Gebäude bei Gottesdiensten früher aus allen Nähten platzte.

Aber in solchen Berichten steckt auch ein großes Stück Wehmut. Denn die große Ausreisewelle in den 90er Jahren hat die Gemeinden dezimiert und die Bethäuser geleert. In den Gottesdiensten fehlt die jüngere und mittlere Generation, und auch Kinder und Enkel, die in Sibirien geblieben sind, wachsen nicht mehr wie früher ganz selbstverständlich in die Gemeinde hinein. Viele von ihnen können zu wenig Deutsch, um den Gottesdiensten folgen zu können. Und die Frage ist auch, ob die traditionelle Frömmigkeit ihnen geeignete Antworten für die Gegenwart gibt.





Zwischen Tradition und Aufbruch – lutherische Kirche im Spagat



An dieser Stelle steht die ELK USFO heute vor einem Spagat. Sie begleitet und betreut die traditionellen Brüdergemeinden (so gut das bei den Entfernungen möglich ist). Aber sie versucht auch, die lutherische Kirche aus der zwangsläufigen Bindung an das Deutschtum zu lösen. Der Omsker Propst, ein Pastor der hannoverschen Landeskirche, formuliert immer wieder das Ziel: den Bau einer »lutherischen Kirche in Russland auf Russisch für alle, die wollen«.24

Ein Aushängeschild dieser Arbeit ist das Christus-Kirchenzentrum in Omsk. Dieses repräsentative Backsteingebäude am Irtysch wurde 1994 mit Bundes- und mit Kirchenmitteln errichtet; die Verpflichtung für seine Unterhaltung hat die hannoversche Landeskirche übernommen, die 2002 einen Partnerschaftsvertrag mit der ELK USFO geschlossen hat.25 Zwar findet hier am Sonntagvormittag ein deutschsprachiger Gottesdienst und anschließend eine ebenfalls deutschsprachige Stunde statt. Aber weitaus besser besucht sind die russischsprachigen Angebote am Sonntagnachmittag: ein Gottesdienst mit neueren Liedern, eine Kinderstunde und ein engagierter Jugendkreis. Seit 2003 hat die Omsker Gemeinde einen russischsprachigen Pastor, der zu den ersten Absolventen des Theologischen Seminars der ELKRAS bei St. Petersburg gehört.26

Die Arbeit dieser Gemeinde zeigt: Es gibt eine Zukunftschance für die lutherische Kirche in Sibirien – auch dann, wenn es die Brüdergemeinden in der jetzigen Form einmal nicht mehr geben sollte. Was macht die lutherische Kirche für Menschen im postsowjetischen Russland attraktiv? Ein Gemeindeglied antwortete auf diese Frage: »Mir gefallen die Gottesdienste, die man versteht« – eine Abgrenzung von den orthodoxen Gottesdiensten, die in altslawischer Sprache gehalten werden und von der Schönheit des Rituals leben. Ein weiterer Grund dürfte die inhaltliche Weite sein, die in der Omsker Gemeinde aufscheint. In einer Predigt spricht der Propst das Thema Alkohol und Gewalt ganz offen an und rät betroffenen Frauen, sich von den trinkenden Männern nicht alles gefallen zu lassen. Und in einer Jugendstunde zum Thema Familie und Elternschaft wird zwar die Präferenz für das ungeborene Leben deutlich, die Streitfrage um den Schwangerschaftsabbruch aber nicht autoritativ entschieden, sondern als Dissenspunkt offengelassen. Solch ein Plädoyer für die Selbstständigkeit im Glauben ist ein wichtiger Farbtupfer in einer Gesellschaft, in der die alte Sehnsucht nach Affirmation und Eindeutigkeit noch nicht verjährt ist.

Allerdings ist die ELK USFO immer noch von westlicher Hilfe abhängig – neben der hannoverschen Landeskirche engagiert sich auch das Ev.-luth. Missionswerk in Niedersachsen (ELM) mit der Entsendung einiger Pastoren in Sibirien (Nowosibirsk, Tomsk, Irkutsk und Abakan). Es gibt Bestrebungen, in den Gemeinden ein Bewusstsein für die finanzielle Eigenverantwortung zu wecken. Trotzdem dürfte die finanzielle Abhängigkeit wohl noch auf längere Zeit bleiben. Darum stellt sich die Frage, welche Zeit die Partner in Deutschland dem Aufbau einer russischsprachigen lutherischen Kirche in Sibirien geben können und wollen.





Anmerkungen:



1    Veranstalter war das Pastoralkolleg der hannoverschen Landeskirche.

2    Schon vor der Wirtschaftskrise lebte knapp ein Viertel der russischen Bevölkerung unter dem Existenzminimum (nach einer Angabe der der Caritas vom August 2008: http://www.caritas-international.de/hilfsprojekte/europa/russland-projekte_in_sibirien/situation_armut_in_sibirien/29913.html). Zur Verschärfung der Lage durch die Wirtschaftskrise s. Russland-aktuell, 31.8.2009 (http://www.aktuell.ru/russland/panorama/armut_in_russland_steigt_durch_krise_stark_an_2803.html).

3    Susanne Staets, Nächstenliebe an sozialen Brennpunkten, in: Novokult 20/2009, 5 (http://www.deutsche-novosibirsk.de/files/novokult20-normal.pdf).

4    Südd. Zeitung, 1.7.2009: Trinken in Russland. Medwedjew will Alkoholismus bekämpfen (http://www.sueddeutsche.de/politik/477/476984/text/).

5    So die Angabe des Omsk Friends Club (http://club.eomsk.ru/?pid=129&gid=214).

6    Heiner Koch, Die evangelisch-lutherische Kirche in Sibirien mit landeskundlichen Informationen (hrsg. von der Ostkirchen- und Aussiedlerarbeit der hannoverschen Landeskirche), Hannover 2005, 35. Diese besondere Rolle bezieht sich auf die Bedeutung für die Kultur und Spiritualität in Russland.

7    EKD-Länderinformation Russische Föderation (Stand: Mai 2009), 5 (http://www.ekd.de/russische_foederation%281%29.pdf).

8    http://www.orthodox.net/russiannm/sylvester-archbishop-and-hieromartyr-of-omsk.html.

9    Sie erfolgte im Jahr 1998 (http://club.eomsk.ru/?pid=84&gid=291).

10    Handelsblatt, 20.8.2000 (http://www.handelsblatt.com/archiv/letzte-zarenfamilie-heilig-gesprochen;320290).

11    Als traditionelle Religion erkennt der Staat diejenigen Gemeinschaften an, die länger als 15 Jahre im Land sind (Koch, 35). Damit wurde im Religionsgesetz von 1997 eine Grenze zu den neuen religiösen Gruppen gezogen, die nach 1989 ins Land kamen – und die (wie z.B. die Hare Krishna in Omsk) auch heute noch im Straßenbild präsent sind.

12    Deutsche Welle, 6.8.2009: Religion soll Unterrichtsfach an Russlands Schulen werden (http://www.dw-world.de/dw/article/0,,4547166,00.html); RIA-Nowosty, 22.7.2009: Religion bald in Russlands Schulen und in der Armee präsent (http://de.rian.ru/analysis/20090722/122424882.html).

13    Wikipedia-Artikel Swetlana Wladimirowna Medwedewa (http://de.wikipedia.org/wiki/Swetlana_Wladimirowna_Medwedewa).

14    RIA-Nowosty, 22.7.2009: Religion bald in Russlands Schulen und in der Armee präsent (http://de.rian.ru/analysis/20090722/122424882.html).

15    Russland-Aktuell, 6.3.2007 (http://www.aktuell.ru/russland/politik/russische_kirche_will_endlich_soziale_gerechtigkeit_3299.html).

16    Russland.ru, 1.11.2004: Proselytismus der Katholiken als Stein des Anstoßes für Beziehungen mit der orthodoxen Kirche (http://www.russlandaktuell.net/ruall0010/morenews.php?iditem=1127); vgl. auch: Radio Vatican, 23.2.2009: Vatikan/Russland: »Proselytismus verhindert Treffen« (http://www.radiovaticana.org/ted/Articolo.asp?c=268115).

17    Vgl. die Selbstdarstellung der Caritas in: Novokult 20/2009, 4f. (http://www.deutsche-novosibirsk.de/files/novokult20-normal.pdf).

18    EKD-Länderinformation Russische Föderation (Stand: Mai 2009), 5 (http://www.ekd.de/russische_foederation%281%29.pdf).

19    Informationen zur politischen Bildung, Heft 267: Aussiedler, Bonn 2000, 21f.

20    Koch, 16f.

21    Wikipdia-Artikel Evangelisch-lutherische Russ­landdeutsche (http://de.wikipedia.org/wiki/Evangelisch-lutherische_Russlanddeutsche).

22    »Sammlung christlicher Lieder für die häusliche und öffentliche Andacht, zum Gebrauch der deutschen evangelischen Kolonien an der Wolga«, zusammengestellt Anfang des 19. Jh. (http://www.wolgadeutsche.net/bibliothek/Wolgagesangbuch.htm).

23    Vgl. Walter Grassmann, Geschichte der evangelisch-lutherischen Rußlanddeutschen in der Sowjetunion, der GUS und in Deutschland in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Diss. phil. München 2004), 175 (http://deposit.d-nb.de/cgi-bin/dokserv?idn=980245907&dok_var=d1&dok_ext=pdf&filename=980245907.pdf).

24    Propst Dieter Grimmsmann zitiert hier den Theologen Joachim Willems, der die empirische Studie vorgelegt hat: Lutheraner und lutherische Gemeinden in Russland, Erlangen 2005 (http://www.ekd.de/seelsorge/aussiedler/rezensionen.html).

25    Landeskirchenamt Hannover: Kirchliches Leben im Überblick (Aktenstück Nr. 4 der 24. Landessynode), Hannover 2008, 206.

26    Koch, 22.

Deutsches Pfarrerblatt, ISSN 0939 - 9771

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